Mein Vorbild: Oma Pauline

08.03.2020- Internationaler Frauentag

Als ich im Rahmen meiner Kandidatur als Bürgermeisterin für die Stadt Bad Sooden-Allendorf gefragt wurde, wer meine politischen Vorbilder seien, antwortete ich spontan: Es gibt keine! Zumindest keine politischen.
Das große Vorbild in meinen Leben war immer meine Oma Pauline.

 

Geboren im Jahr 1921, gehörte sie zu der Generation, die im letzten Jahrhundert wohl mit am meisten vom Leben geprüft und gefordert wurden. Mit meinem Opa Franz heiratete sie ihre große Liebe und wurde schwanger. Als meine Mama im März 1945 geboren wurde, musste meine Oma mit dem Baby in die Wälder fliehen, da die Russen auf dem Vormarsch waren. Mein Opa war zu dieser Zeit längst wieder an der Ostfront. Er geriet in russische Gefangenschaft und meine Oma hat ihn nie wieder gesehen, noch hat er jemals seine Tochter kennengelernt.

 

Meine Oma hat meine Mama alleine groß gezogen und musste immer arbeiten gehen – erst in der Allendorfer Papierwarenfabrik, später in der Gastronomie. Ihrem Fleiß und ihrer Bescheidenheit war es zu verdanken, dass sie sich in den 50iger Jahren ein Häuschen in der Ackerstraße leisten konnte. Sie hat immer gearbeitet, den Haushalt gemacht, gekocht und später mich nebenbei, da auch meine Mama voll berufstätig war, mit groß gezogen.

 

Erst 1980 hat sie durch einen Brief des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes Gewissheit über das Schickal meines Opas erhalten und war auch noch nach 35 Jahren beim Lesen dem Zusammenbruch nahe.

 

Oma Pauline war trotz, oder vielleicht sogar aufgrund ihres persönlichen Schicksals immer eine bescheidene, aber fröhliche und dankbare Frau, die nie mit dem Leben haderte. Sie und die vielen anderen Frauen ihrer Generation haben es durch ihre Stärke, ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit möglich gemacht, den folgenden Generationen Wege zu erschließen und zu ebnen.

 

Ohne Frauen wie meine Oma Pauline wäre es für uns Frauen in der heutigen Zeit wesentlich schwerer oder gar unmöglich Posten in Politik und Wirtschaft zu besetzen- oder halt auch Bürgermeisterin zu werden. Wenn sie diese Zeilen heute lesen könnte, würde sie wie immer wortlos und bescheiden abwinken und sich verstohlen eine Träne aus dem Auge wischen.

 

Insofern liebe Ladies da draußen – glaubt an euch und geht euren Weg! Seid stolz auf eure (Ur-)großmütter, Mamas und Töchter – aber vor allem auch auf euch selbst !

Ihre Sandra Rhenius-Thimm